Heilmittel-Report 2026
Schwerpunkt: Qualität der Heilmittelversorgung

Der Heilmittel-Report 2026 zum Schwerpunkt „Qualität der Heilmittelversorgung“ beleuchtet die Herausforderung, eine bedarfsgerechte qualitative Heilmittelversorgung im deutschen Gesundheitswesen zu gestalten. Fragestellungen über erkennbare Defizite in der Qualität der Heilmittelversorgung, aber auch zu Maßnahmen der Qualitätsverbesserung und zu zukunftsfähigen Konzepten werden thematisiert. Expertinnen und Experten aus Forschung und Versorgung diskutieren mit Blick auf die aktuellen Bedarfe, welche strukturellen Weiterentwicklungen zur Messung und Verbesserung der Qualität in der Heilmittelversorgung zielführend sein könnten, welche Instrumente entwickelt werden sollten und wo Forschungsbedarfe bestehen. Damit soll zu Diskussionen angeregt werden und ein Transfer der Themen aus der Wissenschaft in die Politik geleistet werden.
Inhaltsverzeichnis
Teil I Einführung
Einführung und Zusammenfassung
Helmut Schröder, Christian Kropkow, Andrea Waltersbacher, Nadescha Bachayov und Jonas SchreyöggDie Versorgung der GKV-Versicherten mit physiotherapeutischen oder ergotherapeutischen Behandlungen bzw. mit Behandlungen aus dem Bereich der Stimm-, Sprech-, Sprachund Schlucktherapie sowie der Podologie hatte 2024 einen Anteil von 4,3% (13,3Mrd. C) an den gesamten Leistungsausgaben der GKV. Rund 39,6Mio. Mal wurde eine Heilmittel- Verordnung für einen GKV-Versicherten abgerechnet. Diese als Heilmittel leistungsrechtlich zusammengefassten Therapiebereiche stellen einen wichtigen Baustein der ambulanten Versorgung dar. Heilmittel werden von einem an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Arzt/einer Ärztin verordnet und sind persönlich zu erbringende medizinisch-therapeutische Dienstleistungen. Das bedeutet, dass die Patientinnen und Patienten für die Dauer der Therapiesitzung jeweils einen intensiven Kontakt zu ihrer Therapeutin/ihrem Therapeuten haben. Nahezu ein Fünftel aller AOKVersicherten wird jedes Jahr mit einer Heilmitteltherapie versorgt. Dieser in Bezug auf den Umsatz gesehen vergleichsweise kleine Sektor betrifft also eine große Anzahl von Versicherten.
Teil II Qualitätsbegriff und Rahmenbedingungen
Was ist Qualität und wie lässt sie sich messen?
Thomas PetzoldIm Gesundheitswesen wird der Begriff „Qualität“ von den Akteurinnen und Akteuren unterschiedlich verwendet. Ein gemeinsames Verständnis von Qualität könnte jedoch nachhaltige Entwicklungen und Verbesserungen in der Versorgung ermöglichen. Die Nutzung der generalistischen Qualitätsdimensionen nach Donabedian ist ein hilfreiches und häufig verwendetes Konstrukt, welches auch für die Heilmittelbehandlung herangezogen werden sollte. Inhalte zur Qualitätssicherung und -messung durch Qualitätsindikatoren sollten diskutiert werden, um eine evidenzgeleitete Entwicklung durchzuführen und daran Heilmittelversorgung sicherstellen zu können. Digitale Lösungen bieten dafür neue Potenziale, die Qualität von Gesundheitsleistungen zu erfassen und zu verbessern, indem sie den Dokumentationsaufwand minimieren und interaktive, datengestützte Entscheidungsprozesse ermöglichen.
Regelungen in der ambulanten Heilmittelversorgung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und ihre Auswirkungen auf die Qualität der Versorgung
Bernd Faehrmann und Hans-Jörg WaibelDie Rahmenbedingungen der ambulanten Heilmittelversorgung von gesetzlich Krankenversicherten wurden seit Einführung des fünften Buchs des Sozialgesetzbuchs (SGB V) im Jahr 1988 zunehmend kleinteilig geregelt. Der Beitrag gibt einen Überblick über die Entwicklung der sozialrechtlichen Regelungen durch den Bundesgesetzgeber sowie die Ausdifferenzierung der untergesetzlichen Normen durch die Akteure der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Das besondere Augenmerk liegt dabei darauf, inwieweit Qualitätsaspekte adressiert wurden.
Teil III Qualität der Ausbildung der Leistungserbringenden
Qualifizierung für eine gelingende gesundheitliche Daseinsvorsorge am Beispiel der Gesundheitsberufe Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie - eine strukturelle Bestandsaufnahme
Annette ProbstIm internationalen Kontext sind die Gesundheitsberufe Ergotherapeut/-in, Logopäde/-in, Sprachtherapeut/-in und Physiotherapeut/-in seit nunmehr über 60 Jahren fester Bestandteil des Wissenschafts- und Hochschulsystems. In Deutschland befinden sich die Ergotherapie, Logopädie/Sprachtherapie und Physiotherapie (ELP) jedoch auch noch nach 25 Jahren – trotz Aufbau- und Entwicklungsarbeit an Hochschulen – in einem prekären institutionellen und damit strukturellen Status. Selbst die mit dem demographischen Wandel verbundenen Auswirkungen hinsichtlich eines zunehmenden Fachkräfteengpasses in diesem Bereich haben bisher nicht dazu geführt, dass entsprechende Reformanstrengungen zur Angleichung der Qualifizierungs- und Bildungswege an europäische Standards seitens der Politik vorgenommen wurden. Der Beitrag verfolgt in fünf Teilschritten das Ziel, entlang konkreter Entwicklungslinien und Einflüsse zu rekonstruieren und einzuordnen (1), welche strukturellen Anpassungen neben der konsequenten hochschulischen Qualifizierung umgesetzt werden müssen (2), um diese gesellschaftlich notwendigen Dienstleistungsberufe an internationale Mindeststandards der beruflichen Bildung anzupassen (3), diese attraktiver für die Berufswahlentscheidung junger Erwachsener zu machen (4) und das existierende Qualifikationsparadox marginalisierter sozialer „Frauenberufe“ aufzuheben (5).
Die geforderte hochschulische Qualifizierung dient dabei nicht dem Selbstzweck der Berufe: Es geht darum, in Zukunft eine an den gesellschaftlichen und gesundheitlichen Herausforderungen orientierte Versorgung durch Qualifizierung hin zu einer neuen Kultur der Kooperation im Gesundheitswesen gewährleisten zu können.
Von Kompetenzen zu Wirkmechanismen: Potenziale der Akademisierung für Qualitätsverbesserung und Steuerung der Heilmittelversorgung in Deutschland
Christian GrünebergDer Beitrag zeigt auf, dass die Akademisierung der Therapieberufe eine notwendige strukturelle Voraussetzung für eine qualitätsund outcomeorientierte Weiterentwicklung der Versorgung darstellt. Angesichts steigender Komplexität durch chronische Erkrankungen und Multimorbidität reicht eine mengenorientierte Steuerung nicht aus; erforderlich sind steuerbare, lernende Versorgungsprozesse. Auf Basis einer integrierten Qualitätslogik wird aufgezeigt, dass Akademisierung die Strukturqualität durch Kompetenzen in Evidenzbasierung, Datenanalyse und Governance stärkt. Qualitätsgewinne entstehen jedoch erst, wenn diese Kompetenzen in verbindliche Prozessroutinen wie Assessment, Reassessment, Outcome-Messung und Audit & Feedback überführt werden. Internationale Modelle wie Advanced Physiotherapy Practice verdeutlichen, wie akademisch qualifizierte Rollen Prozessqualität und Steuerungsfähigkeit verbessern können. Die Akademisierung ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung, um stabile Funktionsverläufe zu fördern und potenziell kostenintensive Folgeentwicklungen zu vermeiden. Nachhaltige Qualitätswirkung entsteht erst im Zusammenspiel von Qualifikation, klaren Rollenprofilen und konsequenter Outcome-Orientierung.
Ausbildung von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten. Bereit für den Direktzugang?
Annika Schwarz und Kerstin LüdkeDer Direktzugang zur Physiotherapie ist international etabliert, in Deutschland jedoch bislang nicht möglich. Hierzulande ist die physiotherapeutische Versorgung weiterhin an eine ärztliche Verordnung gebunden, mit der Folge, dass Patientinnen und Patienten häufig erst verspätet Zugang zu physiotherapeutischen Maßnahmen erhalten. Internationale Studien zeigen hingegen, dass ein Direktzugang Wartezeiten verkürzt sowie Chronifizierungen vorbeugen und die Kosten im Gesundheitssystem reduzieren kann. Die Frage, ob Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in Deutschland für einen Direktzugang qualifiziert sind, steht im Zentrum aktueller Diskussionen. Ein Scoping Review und eine darauf aufbauende Delphi- Studie haben zentrale Kernkompetenzen identifiziert, die für die sichere Versorgung im Direktzugang erforderlich sind. Diese Kernkompetenzen umfassen eine strukturierte physiotherapeutische Untersuchung, Red-Flag- Screening, evidenzbasiertes Clinical Reasoning sowie interprofessionelle Zusammenarbeit – Kompetenzen, die dem Niveau 6 des Europäischen Qualifikationsrahmens (EQR)/Niveau 1 des Qualifikationsrahmens für Deutsche Hochschulabschlüsse entsprechen. Während die aktuelle berufsschulische Ausbildung (EQR-Niveau 4) diese Kompetenzen nicht vollständig abbildet, zeigen hochschulische Studiengänge deutliche Annäherungen. Vor diesem Hintergrund diskutiert der Beitrag die Versorgungspotenziale, Barrieren und die besondere Herausforderung einer Teilakademisierung, bei der nur ein kleiner Teil der Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten den Direktzugang ausüben dürfte.
Akademisierung und Professionalisierung der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie. Folgen und Wirkungen für die Versorgung
Bernhard Borgetto und Andrea PfingstenDie veränderten Anforderungen und Bedarfe in der Gesundheitsversorgung und deren Zunahme an Komplexität erfordern eine Weiterentwicklung der interprofessionellen Kooperation und der Qualifikationen der Gesundheitsberufe. Ansonsten droht ein zunehmender Qualitätsverlust in der Versorgung. Daher hat sich auch eine anhaltende Diskussion um die Akademisierung der Therapieberufe Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie entwickelt. Nach mehr als 15 Jahren Modellphase und einer positiven Evaluation zeichnet sich ab, dass in den nächsten Jahren tatsächlich eine grundlegende Reform der Berufsgesetze umgesetzt werden könnte. Internationale Erfahrungen und Studien verweisen darauf, dass die Einführung des Direktzugangs in vielen Ländern ein zentraler Reformbaustein war, der die Versorgungsqualität, die Versorgungseffizienz und die Versorgungssicherheit verbessert hat. In der Regel ist dem Direktzugang international eine Akademisierung der Therapieberufe vorausgegangen. Auch in Deutschland wird eine Akademisierung als Voraussetzung für einen Direktzugang diskutiert. Mit einem entsprechenden Reformansatz und Ausbau der Studienplätze in diesem Bereich könnte ein großer Schritt in Richtung Verbesserung der Heilmittelversorgung gegangen werden.
Teil IV Maßnahmen der Qualitätsmessung
Forschungsstrukturen und Prozesse zur systematischen Weiterentwicklung der physiotherapeutischen Heilmittelversorgung
Sven Karstens und Axel SchäferDas deutsche Gesundheitssystem steht vor dem Hintergrund von demografischem Wandel, Multimorbidität, Fachkräftemangel und Digitalisierung bei gleichzeitiger Ressourcenverknappung vor großen Herausforderungen. Damit die Physiotherapie unter diesen Voraussetzungen einen qualitativ hochwertigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung leisten kann, sollten Strukturen, Prozesse und Ergebnisse im Versorgungsalltag erfasst und transparent gemacht, Einflussfaktoren auf Qualität, Effizienz und Ungleichheiten analysiert werden. Die Wirksamkeit und der Nutzen von Interventionen sollten unter Alltagsbedingungen geprüft und evidenzbasierte Ansätze in die Routine überführt werden. Die Versorgungsforschung stellt hierzu Theorien und Methoden bereit. Im Beitrag wird aufgezeigt, wie Forschungsstrukturen und -prozesse für Versorgungsforschung zur physiotherapeutischen Heilmittelversorgung in Deutschland ausgebaut werden können, um eine systematische Weiterentwicklung der Physiotherapie zu fördern. Ein Fokus liegt dabei auf der Interventionsentwicklung und Implementierung. Netzwerke von Forschungspraxen werden als wichtige Strukturen zur Umsetzung von Versorgungsforschung herausgestellt und dasPotenzial von Patientenberichteten Ergebnis- (PROMs) und Erfahrungsmaßen (PREMs) für Versorgungspraxis und -forschung beschrieben. Potentiale, Barrieren, Ressourcenbedarf und drängende Forschungsfragen werden herausgearbeitet, um die Versorgungsforschung zur physiotherapeutischen Heilmittelversorgung zu informieren und zukünftige Entwicklungswege aufzuzeigen.
Qualitätsindikatoren in der Ergotherapie: Ein Scoping-Review
Thomas Ballmer, Andrea Petrig, Sara Frey und Brigitte E. GantschnigDie Nutzung von Qualitätsindikatoren ist eineMöglichkeit, um Wirksamkeit, Zweckmäßigkeit und Wirtschaftlichkeit von Leistungen imGesundheitswesen zu fördern. Dieser Beitrag bietet einen Überblick über Qualitätsindikatoren, die in der Schweiz sowie internationalzur Evaluation ergotherapeutischer Interventionen eingesetzt werden. Im Rahmen eines Scoping-Reviews haben die Autorinnen und Autoren 32 Dokumente aus sechs Ländern identifiziert. Die darin beschriebenen Qualitätsindikatoren umfassen Prozessindikatoren, funktionelle Ergebnisindikatoren sowie Messinstrumente zur individuellen Zielerreichung und zur Selbsteinschätzung. Die Analyse zeigt, dass öffentlich zugängliche Informationen zur Anwendung von Qualitätsindikatoren begrenzt sind. Viele Prozessindikatoren sind nicht spezifisch für die Ergotherapie, und funktionale Indikatoren eignen sich häufig nur für bestimmte Gruppen von Klientinnen und Klienten. Hervorzuheben sind die Instrumente zur Zielerreichung und Selbsteinschätzung, die eine Erfassung auf der Ebene von Aktivität und Partizipation erlauben – einem zentralen Fokus der Ergotherapie. Es zeigt sich, dass alle untersuchten Indikatoren Vor- und Nachteile aufweisen. Qualitätsindikatoren sollten so gewählt werden, dass sie die spezifischen Beiträge der verschiedenen Gesundheitsberufe angemessen und differenziert abbilden.
Heil- und Hilfsmittel in der medizinischen Rehabilitation. Daten aus der externen Reha- Qualitätssicherung der Deutschen Rentenversicherung
Johannes Falk und Susanne WeinbrennerDie Deutsche Rentenversicherung (DRV) ist Kostenträger von nahezu einer Million Leistungen zur medizinischen Rehabilitation pro Jahr. Dieser Beitrag analysiert Daten aus der gesetzlich verankerten externen Reha-Qualitätssicherung (QS) der DRV, die kontinuierlich Daten zur medizinischen Rehabilitation erhebt und auswertet. Der Fokus dieses Artikels liegt auf der explorativen Analyse therapeutischer Leistungen aus dem Bereich Heil- und Hilfsmittel. Im Ergebnis bestätigt sich die Annahme, dass Heil- und Hilfsmittel quantitativ und qualitativ wesentliche therapeutische Inhalte in der Rehabilitation der Rentenversicherung darstellen. Dies lässt sich für alle in diesem Artikel untersuchten Reha-Indikationen gleichermaßen beobachten.
Bekanntheit von Leitlinien und Leitlinienadhärenz. Einführung in Leitlinien für Heilmittelerbringende
Stefanie Deckert, Carolin Bahns und Christian KopkowLeitlinien werden im deutschen Gesundheitssystem unter der Federführung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) koordiniert und verbreitet. Ihre Erstellung folgt klar definierten methodischen Standards und erfolgt unter Beteiligung verschiedener Interessengruppen, darunter auch Vertretungen der Heilmittelerbringenden. Leitlinien stellen ein wichtiges Instrument zur Qualitätsverbesserung dar, ihre tatsächliche Wirksamkeit hängt allerdings maßgeblich von Bekanntheit, Akzeptanz, Repräsentanz und Umsetzung in der Versorgung ab. Gerade in den Heilmittelberufen besteht nach wie vor eine Herausforderung in der geringen Bekanntheit sowie der begrenzten Adhärenz gegenüber evidenzbasierten Empfehlungen. Die Implementierung von Leitlinien in die Versorgung ist ein komplexer Prozess, der kontextsensibel und zielgerichtet gestaltet werden sollte.
Qualitätsverbesserung von Interventionen bei Sprachentwicklungsverzögerungen und -störungen durch Leitlinien
Katrin Neumann, Philipp Mathmann und Corinna GietmannSprachentwicklungsstörungen (SES) zählen zu den meist behandelten Störungen im Kindesalter. Bei 7,6% der betroffenen Kinder bestehen keine gravierenden sprachrelevanten Erkrankungen – bislang als (umschriebene) SES ((U)SES) bezeichnet, künftig lediglich als SES. Bei ca. 2,3% der betroffenen Kinder liegen zusätzliche, für die Sprachentwicklung relevante Beeinträchtigungen (Komorbiditäten) vor, wie Hörstörungen, Autismus-Spektrum-Störungen, genetische Syndrome, intellektuelle Beeinträchtigungen oder neurologische Erkrankungen. Als Risikostadium für (U)SES zwischen dem 2. und 3. Geburtstag gelten Sprachentwicklungsverzögerungen (SEV) mit einer Prävalenz von ca. 15 %. SES beeinträchtigen oft nachhaltig die soziale, emotionale, kognitive, schulische und berufliche Entwicklung ihrer Trägerinnen und Träger und bilden sich untherapiert meist nicht ausreichend zurück. SEV und SES bedürfen einer sicheren Diagnostik, die Über- oder Unterdiagnosen vermeidet, und einer effektiven, qualitätsgesicherten Intervention. Beide sind in zwei Leitlinien geregelt, die derzeit überarbeitet und in eine einzige S3-Leitlinie überführt werden. Die 2022 publizierte S3-Leitlinie zur Therapie von Sprachentwicklungsstörungen beschreibt evidenzbasierte Interventionen bei SEV und SES und empfiehlt erstmals Frühinterventionen bei SEV im dritten Lebensjahr als strukturierte Elterntrainings oder frühe Sprachtherapie der Kinder. Weitere Empfehlungen betreffen unter anderem den systematischen Einbezug der Eltern und die Einbindung sprachunauffälliger Gleichaltriger bei SES sowie die frühzeitige Indikation stationärer Sprachtherapie bei schweren SES. Die Implementierung der Leitlinie und aus ihr resultierende Studien erfordern ein Abbilden in der Heilmittelrichtlinie und ein Umdenken in Verordnungs- und Therapiepraxis – hin zu Online- und Kleingruppentherapien unter regelhaftem Einbezug der Eltern, ggf. mit Intensivphasen, und den Einsatz stationärer Therapie, wo Behinderung droht.
Teil V Modelle zur Qualitätsverbesserung
Interprofessionelle Zusammenarbeit. Potenziale für die Qualität der Heilmittelversorgung
Marion Grafe, Susanne Adolphs und Anke KohmäscherDie Heilmittelausgaben in Deutschland steigen kontinuierlich, auch aufgrund des demographischen Wandels und zunehmender chronischer Erkrankungen. Eine interprofessionelle Zusammenarbeit zwischen Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie birgt das Potenzial, komplexe Versorgungsbedarfe effizient und personzentriert zu bewältigen. Wissenschaftliche Studien belegen positive Effekte interprofessioneller Zusammenarbeit auf Gesundheitszustand, Versorgungsqualität, Arbeitszufriedenheit und Kosteneffizienz. Für eine zukunftsfähige, interprofessionell ausgerichtete Heilmittelversorgung sind rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen ebenso erforderlich wie interprofessionelle Ausbildungsstrukturen, gemeinsame Entscheidungsprozesse und eine Kultur der Gleichwertigkeit aller Gesundheitsprofessionen. Um diese Potenziale nachhaltig zu nutzen, ist die Politik gefordert, die notwendigen strukturellen und gesetzlichen Voraussetzungen für interprofessionelle Versorgungsmodelle zu schaffen, Begleitforschung gezielt zu fördern und damit eine evidenz- und bedarfsorientierte Weiterentwicklung der Heilmittelversorgung aktiv zu unterstützen.
Interprofessionelle Ausbildung: mehr Qualität bei der Heilmittelversorgung
Robert RichterEine interprofessionelle Ausbildung und die damit einhergehende interprofessionelle Identitätsentwicklung in den Gesundheitsberufen gilt als Voraussetzung für eine gelingende interprofessionelle und diese wiederum als Voraussetzung für eine effiziente sowie qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung. Dies betrifft vor allem langfristige und komplexe Versorgungssituationen bei chronischen Erkrankungen oder Behinderungen und Multimorbidität. Beides nimmt unter anderem durch umwelt-, epidemiologisch und demographisch bedingte Erkrankungen zu und belastet sowohl die betroffenen Menschen, die Versorgungssysteme einschließlich der Kostenträger als auch die Umwelt.
Obwohl der Wert interprofessioneller Ausbildung hinreichend bekannt und wissenschaftlich belegt ist, gilt ihre Umsetzung und daraus folgend eine flächendeckende interprofessionelle Versorgung in Deutschland als mangelhaft.
Der Beitrag greift exemplarisch die interprofessionelle Ausbildung von Medizin und Physiotherapie auf, wenngleich eine interprofessionelle Ausbildung letztendlich alle Berufsgruppen im Gesundheitswesen einschließen sollte. Daher werden im Beitrag auch übergeordnete Erkenntnisse, Rahmenbedingungen und Empfehlungen thematisiert.
Qualitätsindikatoren und Maßnahmen der Qualitätsverbesserung im internationalen Vergleich – am Beispiel Physiotherapie
Birgit Mueller-WinklerBei einem internationalen Vergleich werden verschiedene Versorgungs- und Finanzierungsstrukturen in der jeweiligen Heilmittelversorgung deutlich. Bei genauerer Betrachtung zeigen sich jedoch Charakteristiken, die fast nur im deutschen Kontext auftreten. Dieser Artikel weist auf mögliche Indikatoren zur Qualität in der Versorgung und Maßnahmen der Qualitätsverbesserung in der Physiotherapie hin, die in anderen Ländern längst etabliert sind. World Physiotherapy erhebt jährlich Daten von über 100 nationalen physiotherapeutischen Mitgliedsverbänden weltweit, die ein umfassendes Bild im Bereich Qualitätskontrolle und Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität zeigen.
Mit digitalen Anwendungen zu einer besseren Heilmittelversorgung. Das Beispiel der neolexon Aphasie-App (DiGA)
Hanna JakobDie logopädische Versorgung neurologisch erkrankter Personen ist derzeit aufgrund von Personalknappheit und anderen strukturellen Schwierigkeiten nicht flächendeckend gewährleistet. Die Behandlung von neurogenen Sprachstörungen (Aphasien) jedoch erfordert eine hochfrequente intensive Therapie, um Verbesserungen zu erzielen.
Digitale Therapielösungen können helfen, den Zugang zu spezifischen Behandlungsmöglichkeiten zu erleichtern und vorhandene Versorgungsmängel auszugleichen. So bietet beispielsweise die neolexon Aphasie-App die Möglichkeit eines Eigentrainings zu Hause, um eine höhere Therapiefrequenz zu erreichen. Die Anwendung bietet ein zielgerichtetes, hoch individualisiertes digitales Training, das die Präsenztherapie ergänzt. Die Wirksamkeit der neolexon Aphasie-App wurde nachgewiesen. Sie ist die einzige logopädische App, die durch das BfArM dauerhaft in das Verzeichnis der digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA) aufgenommen wurde.
Einbindung von Betroffenen in die Leitlinienarbeit mit Fokus Heilmittelversorgung
Jürgen Clausen, Sabine Eis und Corinna Elling-AuderschZu den vorrangigen Aufgaben der Deutschen Rheuma-Liga gehört die Einbindung von Betroffenen in Forschungsprojekte („partizipative Forschung“) und in die Erstellung und Überarbeitung medizinischer Leitlinien. Der vorliegende Beitrag stellt die Grundsätze, Erfahrungen und verschiedenen Aktivitäten der Deutschen Rheuma-Liga dar, die zur erfolgreichen Einbindung von Betroffenen in die Leitlinienarbeit aus Sicht der Deutschen Rheuma-Liga notwendig sind. Erfahrungen und Positionen in Bezug auf die Leitlinienmitarbeit im Allgemeinen und die Einbeziehung der Heilmittelversorgung in Leitlinien im Speziellen werden dargestellt. Seit 2014 sind mehr als 110 partizipative Forschungsprojekte begleitet worden. In den letzten zehn Jahren hat sich die Deutsche Rheuma-Liga außerdem an der Erstellung und Überarbeitung von mehr als 40 Leitlinien beteiligt. Die Möglichkeiten zur Mitarbeit in den Leitlinien werden von den Betroffenen überwiegend positiv beurteilt.
Teil VI Die Perspektive der Akteurinnen und Akteure
Qualität in der Heilmittelversorgung. Sicht des Verbandes für Physiotherapie e.V.
Manuela Pintarelli-Rauschenbach, Toralf J. Beier und Diane RosenDer Verband für Physiotherapie e. V. (VPT) versteht Qualität in der Heilmittelversorgung als Zusammenspiel von fachlicher Kompetenz, evidenzbasiertem Handeln und strukturellen Rahmenbedingungen. Vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, Bürokratielast und einer überholten Ausbildungsordnung setzt sich der VPT für eine Modernisierung der Ausbildung, die Stärkung wissenschaftlicher Grundlagen und eine flächendeckende Akademisierung ein. Zugleich braucht es mehr interprofessionelle Zusammenarbeit, praxisnahe Forschung und digitale Prozesse, um Versorgungseffizienz und Patientensicherheit zu verbessern. Es soll aufgezeigt werden, wie Berufsverbände durch politische Mitgestaltung, evidenzbasierte Forschung und die Entwicklung von Qualitätsindikatoren aktiv zur Weiterentwicklung der Heilmittelversorgung beitragen und welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, um Qualität als gemeinsames Ziel aller Akteure im Gesundheitssystem zu sichern.
Steuerung, Transparenz und Digitalisierung: Ansätze zur Weiterentwicklung der Heilmittelversorgung
Julius LehmannDie Heilmittelversorgung steht derzeit vor mehreren strukturellen Herausforderungen. Zu den diskutierten Ansätzen für ihre Weiterentwicklung gehören die Übertragung von mehr Therapieverantwortung auf die Leistungserbringenden, die Verbesserung der Kommunikation zwischen Arztpraxis und Heilmittelerbringenden sowie die Digitalisierung des Verordnungsprozesses. Trotz neuer Flexibilität zeigt die Blankoverordnung in der Praxis Tendenzen zurMengenausweitung und Kostenintensivierung, was eine Nachschärfung der Steuerungs- und Vergütungsmechanismen erfordert. Zu den zentralen Grundsätzen bei der Digitalisierung gehören aus Sicht der KBV dabei die Vermeidung paralleler Strukturen, die Einbindung aller relevanten Akteurinnen und Akteure und eine vorausgehende Entbürokratisierung.
Qualität und Versorgungssicherheit in der Heilmittelversorgung. Sicht der Patientenvertretung
Martin Danner, Constanze Jelsch und Sabine HäfnerFür chronisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung ist eine qualitativ hochwertige und sichere Heilmittelversorgung ein zentrales Mittel für Teilhabe. Die Überarbeitung der Heilmittel-Richtlinie und Neufassung des Heilmittelkataloges, die aktiv durch die Patientenvertretung begleitet wurden, ermöglichten Bürokratieabbau und Planungssicherheit, während andere Qualitätsanliegen weiterhin bestehen. Der vorliegende Beitrag adressiert die Reform aus Sicht der Patientenvertretung und zeigt weiteren Reformbedarf sowie strukturelle Lösungsansätze auf.
Qualität in der Heilmittelversorgung. Sicht der gesetzlichen Krankenkassen
Christoph ZamorynIm vorliegenden Beitrag werden gesetzliche Grundlagen beleuchtet, die einen Rahmen für die Qualitätssicherung der Heilmittelversorgung schaffen. Die Differenzierung zwischen Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität orientiert sich dabei am Qualitätsbegriff von Avedis Donabedian. Es wird außerdem beleuchtet, vor welchen strukturellen Herausforderungen das Gesundheitssystem steht und welche Rolle dem GKV-Spitzenverband in der Qualitätssicherung der Heilmittelversorgung zukommt.
Heilmittel-Richtlinie: Versorgungssicherheit und Qualitätsverbesserung. Sicht des Gemeinsamen Bundesausschusses
Mario HellbardtDie vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) beschlossenen Richtlinien über die Verordnung von Heilmitteln in der vertragsärztlichen Versorgung (Heilmittel-Richtlinie) und vertragszahnärztlichen Versorgung (Heilmittel- Richtlinie Zahnärzte) konkretisiert den Anspruch der Versicherten auf Versorgung mit Heilmitteln im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung. Mit ihrer fortlaufenden Anpassung werden Rahmenbedingungen geschaffen, die eine Versorgungssicherheit sowie Qualitätsverbesserung ermöglichen.
Teil VII Die Heilmittelversorgung im Überblick
Die GKV-Heilmittelversorgung 2024 im Überblick
Nadescha Bachayov und Andrea WaltersbacherDer Überblick über den Heilmittelmarkt stellt mit ausgewählten Kennzahlen die Versorgung der AOK- und GKV-Versicherten mit Therapien der Physiotherapie, Ergotherapie, Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie (SSSST) sowie der Podologie dar. Dafür wurden die fast 40 Mio. Heilmittelverordnungen der rund 70 Mio. gesetzlich Versicherten ausgewertet. Dargestellt werden sowohl Verordnungen und Umsatz der Heilmittelversorgung im Jahr 2024 als auch die Entwicklungen der letzten zehn Jahre. Die Versorgung spezieller Patientengruppen – wie Kinder, Personen mit Diabetes mellitus, Pflegebedürftige und auch Langzeitpatientinnen und -patienten – mit Heilmitteln werden hinsichtlich ihrer zugrundeliegenden ICD-Diagnosen und verordneten Heilmittelmaßnahmen analysiert. Dabei wird die Versorgung der AOK-Versicherten mit besonderen Verordnungsformen wie dem Langfristigen Heilmittelbedarf, dem Besonderen Verordnungsbedarf und der Verordnung nach § 125a SGB V (Blankoverordnung) fokussiert betrachtet.