Analysen zum Arzneimittelverbrauch

Das WIdO analysiert regelmäßig Entwicklungen beim Arzneimittelverbrauch. Die Ergebnisse der Analysen und die dafür erforderlichen methodischen Grundlagen und Klassifikationen veröffentlicht das Institut in unterschiedlichen Publikationen.

Risikoreiche Fluorchinolone in Deutschland

Seit Jahren wird weltweit berichtet, dass Antibiotika aus der Gruppe der Fluorchinolone mit erhöhten Risiken für die Patienten verbunden sind. Gerade diese Antibiotika werden in Deutschland im Vergleich sehr häufig verordnet. Erstmals konnten nun, basierend auf Studienergebnissen, die zusätzlichen Risiken dieser Arzneimittel im Vergleich zu anderen Antibiotika abgeschätzt werden: Für die 3,3 Millionen im Jahr 2018 mit Fluorchinolonen behandelten Patienten in Deutschland ist damit zu rechnen, dass mehr als 40.000 Patienten von Nebenwirkungen wie einer Schädigung des Nervensystems, einem Sehnenriss oder einer Schädigung der Hauptschlagader betroffen waren. In Deutschland wird noch immer zu häufig mit dieser Gruppe der Reserveantibiotika behandelt, da für viele Indikationen gut wirksame, aber risikoärmere Substanzen zur Verfügung stehen. Pharmazeutische Hersteller sollten von betroffenen Patienten stärker in die Verantwortung für ihre Produkte genommen werden können.

Arzneimittelverbrauch nach Alter und Geschlecht

Das Alter der Patientinnen und Patienten besitzt einen wesentlichen Einfluss auf die Morbidität und somit auch auf den Arzneimittelverbrauch. Der Einfluss des Geschlechts auf die Medikation ist ebenfalls seit langem belegt. So erfordern einige Analysen die Berücksichtigung dieser Faktoren, um eine Interpretation der Daten zu ermöglichen.

Das wissenschaftliche Team des GKV-Arzneimittelindex untersucht seit 1985 den Arzneimittelverbrauch nach Alter und Geschlecht der Versicherten und veröffentlicht die Ergebnisse als tabellarische Übersicht. So zeigen aktuelle Auswertungen, dass 2017 jeder GKV-Versicherte in Deutschland durchschnittlich 571 definierte Tagesdosen (DDD) verordnet bekommen hat. Den niedrigsten Arzneimittelverbrauch weisen die 20- bis 24-Jährigen mit durchschnittlich 76 DDD je Versicherten auf, den höchsten die 85- bis 89-Jährigen mit 1.741 DDD. Auch gibt es deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Mit durchschnittlich 616 DDD liegt die Verordnungsmenge für Frauen 19 Prozent über dem Durchschnittswert der Männer (520 DDD).

Grundlage der Analysen sind Verordnungsdaten aus der Arzneimittelabrechnung und Altersangaben, die in den Rezeptdaten enthalten sind und dem WIdO zur Verfügung stehen. Seit 2017 werden zusätzlich zu den Verordnungen der Fertigarzneimittel auch die in Apotheken aus Fertigarzneimitteln individuell hergestellten Zubereitungen berücksichtigt. Damit ist ein Vergleich mit den Daten aus früheren Publikationen nur eingeschränkt möglich.

Arzneimittelverbrauch nach Arztgruppen

Der Arzneimittelverbrauch hängt maßgeblich vom Verordnungsverhalten der Ärzte ab. Aus diesem Grund analysiert das WIdO den Arzneimittelverbrauch auch nach Fachgruppen der verordnenden Ärzte. Die Auswertungen basieren auf den Verordnungsdaten aus der Arzneimittelabrechnung.

Die Betrachtung der verordneten definierten Tagesdosen (DDD) nach Arztgruppen zeigt, dass Hausärzte, also Allgemeinmediziner und praktische Ärzte, mit 22,7 Milliarden DDD erneut die meisten Arzneimittel verschrieben hatten. Auch bei den arztbezogenen Kennzahlen sind deutliche Unterschiede sichtbar. So weisen hausärztlich tätige Internisten (8.406 Verordnungen) und Hausärzte (8.261 Verordnungen) je Arzt überdurchschnittlich viele Verordnungen im Jahr 2017 auf. Dagegen liegt die Zahl der Verordnungen bei HNO-Ärzten (1.579) und Orthopäden (1.338) unter dem Durchschnitt von 3.169 Verordnungen je Arzt. Den höchsten durchschnittlichen Umsatz je Arzt erreichen mit 3,9 Millionen Euro die Hämatologen/Onkologen, gefolgt von den Neurologen mit 725.000 Euro und den Pneumologen mit 622.000 Euro.

In die aktuelle Auswertung, die das WIdO im September 2018 veröffentlicht hat, flossen erstmals neben den Verordnungen der Fertigarzneimittel auch die in Apotheken aus Fertigarzneimitteln individuell hergestellten Zubereitungen ein. Damit ist ein Vergleich mit den Daten aus früheren Publikationen nur eingeschränkt möglich.

Antibiotikaverbrauch

Der Antibiotikaverbrauch in Deutschland ist insgesamt seit Jahren auf einem konstant hohen Niveau. Zwischen den Wirkstoffgruppen der Antibiotika gibt es aber Verschiebungen. Auch variiert der Verbrauch zwischen den Regionen.

So zeigen Untersuchungen des WIdO, die im GERMAP-Bericht erschienen sind, dass es 2014 nahezu 45 Millionen Antibiotikaverordnungen mit 448 Millionen DDD und einem Umsatz von 920 Millionen Euro im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung gab. In dieser Analyse ist auch der Verbrauch von lokal angewendeten Antibiotika berücksichtigt worden. Die Verordnungsdichte betrug 17,4 DDD pro 1.000 Versicherte und Tag. In den westlichen Regionen (alte Bundesländer) verordneten Ärzte mehr Antibiotika als in den fünf östlichen Bundesländern. Die Verordnungsdichte schwankt dabei von 12,2 DDD/1.000/Tag in Brandenburg bis 19,2 DDD/1.000/Tag in Nordrhein-Westfalen.

Fast die Hälfte (46 Prozent) der verordneten Tagesdosen für Antibiotika entfallen in Deutschland auf Hausärzte. Hausärztlich tätige Internisten, Kinderärzte und Zahnärzte folgten an zweiter, dritter und vierter Stelle. Dabei zeigen verschiedene Fachgruppen unterschiedliche Schwerpunkte bei der Wirkstoffauswahl. So entfielen in den hausärztlichen Praxen 45 Prozent aller verordneten Tagesdosen auf Penicilline und Oralcephalosporine. Das höchste Antibiotikaverordnungsvolumen (nach Tagesdosen) pro Arzt zeigten HNO-Ärzte und Kinderärzte, gefolgt von Urologen, Hautärzten und Hausärzten. Bezogen auf Tagesdosen bekamen kleine Kinder unter fünf Jahren und ältere Menschen über 80 Jahre Antibiotika häufiger verschrieben als andere Altersgruppen.

Verordnung von Reserveantibiotika

Ärzte verordnen immer häufiger Reserveantibiotika, obwohl diese als Mittel der zweiten Wahl nach Versagen eines Standardtherapeutikums gelten. So zeigen Analysen des WIdO, dass nach DDD zwar Amoxicillin das meistverordnete Antibiotikum ist. An zweiter Stelle folgt aber bereits das Reserveantibiotikum Cefuroxim(axetil), obwohl die Substanz in keiner deutschen Behandlungsleitlinie Mittel der Wahl ist.

Ein ungerechtfertigter Einsatz von Reserveantibiotika kann die Resistenzbildung bei Bakterien beschleunigen und zur Ausbildung multiresistenter Keime beitragen. Angesichts der bereits heute steigenden Resistenzen gilt daher die goldene Regel bei der Verschreibung von Antibiotika: so wenig wie nötig und so gezielt wie möglich. Nur so kann verhindert werden, dass die hohe Wirksamkeit eines antibiotischen Wirkstoffs für die Zukunft leichtfertig aufs Spiel gesetzt wird.