Ausgabe 1/2026, Januar

WIdO-Themen

Fundament für faire Preise

Der Arzneimittel-Kompass 2025 analysiert die Ausgabenentwicklung für Arzneimittel und skizziert die Grundlagen für eine gerechtere Preisgestaltung.

Die Ausgaben der gesetzlichen Kranken­versicherung für Arzneimittel erreichten 2024 rund 59 Milliarden Euro – ein An­stieg um knapp zehn Prozent bei nahezu konstanten Verordnungsmengen. Auffäl­lig ist die strukturelle Verschiebung im Markt: Patentgeschützte Arzneimittel ma­chen lediglich 7,1 Prozent der Tagesdo­sen aus, verursachen aber 54 Prozent der Nettokosten. Diese Diskrepanz verweist auf ein zunehmendes Spannungsfeld zwi­schen medizinischem Fortschritt, Finan­zierbarkeit und der Frage, wie sich faire Preise definieren und durchsetzen lassen.

Der Arzneimittel-Kompass 2025 analy­siert die Ausgabendynamik auf Basis ak­tueller Daten und zeigt, warum die be­stehenden Instrumente – insbesondere das Arzneimittelmarktneuordnungsge­setz (AMNOG) – zwar Transparenz ge­schaffen haben, in der Preisbildung aber nur eingeschränkt steuernd wirken. Op­portunitätskosten, Budgetwirkungen und Verteilungsaspekte werden weiterhin nicht systematisch berücksichtigt.

Vor diesem Hintergrund rückt der Kompass das Konzept fairer Preise in den Mittelpunkt: Preise, die transparent zu be­gründen, am klinischen Nutzen orientiert und mit dem Patientenwohl sowie den Ressourcen des solidarischen Systems vereinbar sind. Er zeigt, dass Fairness we­der allein durch rein wertbasierte noch durch rein kostenorientierte Ansätze er­reicht werden kann. Vielmehr bedarf es integrierter Modelle, die Evidenz, Kosten­strukturen, öffentliche Forschungsbeiträ­ge und gesellschaftliche Verteilungsnor­men gleichermaßen einbeziehen.

Die im Band versammelten interna­tionalen Perspektiven verdeutlichen, dass Fairness in der Preisbildung zunehmend als prozedurales Prinzip verstanden wird. Entscheidend ist ein nachvollziehbarer, konsistenter und überprüfbarer Entschei­dungsrahmen. Daten aus der Versorgungs­praxis sowie empirische Analysen zeigen, dass ohne eine normativ und analytisch fundierte Orientierung weder die Kosten­dynamik noch die Legitimitätsfragen hin­reichend adressiert werden können.

Der Arzneimittel-Kompass 2025 bietet ein wissenschaftlich belastbares Funda­ment für die Weiterentwicklung der Preis­regulierung. Er betrachtet faire Preise nicht als fixe Größe, sondern als Ergebnis transparenter, evidenzbasierter und ge­sellschaftlich legitimierter Aushandlungs­prozesse und liefert für diese Debatte eine systematische und empirisch fundierte Grundlage.


Schröder H, Thürmann P, Thiede M, Enners S, Busse R (Hrsg.): Arzneimittel-Kompass 2025. Die Preisfrage: Wege zu fairen Lösungen. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg

Prof. Dr. Michael Thiede, Leiter des Forschungsbereichs Arzneimittel im WIdO

„Faire Arzneimittelpreise entstehen nicht zufällig, sondern dann, wenn Evidenz, Transparenz und begrenzte Ressourcen in einen konsequenten Entscheidungsrahmen gebracht werden.“

Prof. Dr. Michael Thiede, Leiter des Forschungsbereichs Arzneimittel im WIdO

Früherkennungsmonitor: Mehr Nachfrage nach Vorsorge

Die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ist das Schwerpunktthema des aktuellen Früherkennungsmonitors.

Zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung zählen fünf Krebs-Früherkennungsuntersuchungen. Alle fünf wurden 2024 häufiger als in den Vor­jahren in Anspruch genommen.

Am häufigsten wird das Gebärmutter­halskrebs-Screening genutzt: 2024 wur­den rund 14,7 Millionen solcher Untersu­chungen bei weiblichen GKV-Versicher­ten durchgeführt. Bei AOK-versicherten Frauen zwischen 25 und 55 Jahren lag die Teilnahmerate in den vier Jahren von 2021 bis 2024 im Bundesdurchschnitt bei über 80 Prozent. Regional variierte sie zwischen 88,8 Prozent in der niedersächsischen Grafschaft Bentheim und 73,26 Prozent im brandenburgischen Frankfurt/Oder. Nach Einbrüchen in den Pandemie-Jahren ist die Inanspruchnahme wieder gestiegen und liegt GKV-weit nur noch um 1,9 Pro­zent unter dem Wert von 2019.

Die Auswertungen liefern Hinweise auf die Wirksamkeit der Impfung gegen Humane Papillomaviren zur Vermeidung von Gebärmutterhalskrebs. Bei zwischen 1992 und 1994 geborenen Frauen, die als Heranwachsende geimpft wurden, wer­den nur etwa halb so häufig Konisationen durchgeführt wie bei Nichtgeimpften der gleichen Jahrgänge. Eine Konisation ist das chirurgische Entfernen von auffälli­gem Gewebe im Gebärmutterhals. Da die Impfung gegen viele, aber nicht alle Hoch­risikostämme des Virus schützt, ist die Früherkennung auch für Geimpfte wei­ter wichtig. Den Auswertungen zufolge nutzten ungeimpfte und geimpfte Frauen zwischen 25 und 35 Jahren diese Vorsor­geuntersuchung 2024 etwa gleich häufig.


Dräther H, Eymers E, Kühn C, Schillinger G (2025): Früherkennungsmonitor 2025. Inanspruchnahme von Krebs-Früherkennungsleistungen der GKV. WIdO, Berlin
 

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Analysen – Schwerpunkt: Eigenverantwortung und Steuerung

Kontaktpauschale: ein geeignetes Steuerungsinstrument?

Martin Siegel

Zuzahlungen wie Kontaktpauschalen werden als Steuerungsinstrument immer wieder diskutiert. Der aktuelle Vorschlag einer Kontaktpauschale unterliegt einigen Annahmen über das Verhalten der beteiligten Akteure, die es vor dem Hintergrund der Anforderungen an das medizinische Wissen der Patienten und der Anreizstrukturen für Ärzte in der ambulanten Versorgung zu betrachten gilt. Diese Analyse beleuchtet Regulierungen und mögliche Fehlanreize, die zu der in Deutschland vergleichsweise hohen Zahl von Arztkontakten beitragen können, und diskutiert eventuelle negative finanzielle und gesundheitliche Auswirkungen einer möglichen Kontaktpauschale.

Renaissance der Selbstbeteiligung: die Kontaktpauschale

Stefan Fetzer, Oliver Gapp und Christian Hagist

Zuzahlungen als Instrument zur Überwindung des Finanzierungsengpasses in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) waren lange Zeit – mutmaßlich aufgrund ihrer möglichen Konflikte mit dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit – weitgehend ein Tabuthema. Aus gesundheitsökonomischer Perspektive spricht jedoch vieles für ihre Einführung. Erstens können sie dazu beitragen, den GKV-Beitragssatz kurzfristig zu senken. Zweitens setzen sie Anreize für Versicherte, die begrenzte Zeit ärztlicher Leistungserbringer ressourcenschonend in Anspruch zu nehmen, sodass Ärzte sich stärker auf komplexe Fälle konzentrieren können. Drittens können sie, in einen konsistenten ordnungspolitischen Rahmen eingebettet, einen verstärkten Wettbewerb im Gesundheitssystem fördern, der langfristig den Kostendruck in der GKV mindert und damit dazu beiträgt, den Beitragssatz unter 20 Prozent zu stabilisieren.

Karenztage und weniger Lohnfortzahlung aus ökonomischer Sicht

Nicolas Ziebarth

Diese Analyse bewertet die aktuelle Diskussion um die Einführung eines Karenztages sowie um eine Absenkung der Lohnersatzrate aus der Perspektive der Ökonomie. Es geht in beiden Fällen um staatliche Mindestabsicherungen im Krankheitsfall für abhängig Beschäftigte der Privatwirtschaft. Bei einem Karenztag besteht während des ersten Tages jeder Krankheitsepisode keine Pflicht zur Lohnfortzahlung, wohingegen die Kürzung des Lohns auf 80 Prozent einen Verlust von 20 Prozent während der Dauer der Krankheit bedeuten würde. Aus der Sicht der Wohlfahrtsökonomie ist eine allgemeine Absenkung der Lohnersatzrate sinnvoller als die Einführung von Karenztagen. Allerdings wäre eine solche Maßnahme – insbesondere nach den Erfahrungen der Absenkung im Jahr 1996 – nicht zielführend. Sie hätte zudem unerwünschte Nebenwirkungen. Stattdessen sollten Unternehmen mit passgenauen Maßnahmen experimentieren. Gleichzeitig sollte der Gesetzgeber durch die Einführung von Teilzeitkrankschreibungen – also graduellen Krankschreibungen, die auf die Restarbeitsfähigkeit abzielen – die deutsche Lohnfortzahlung nach skandinavischem Vorbild modernisieren.

Internationaler Vergleich von Fehlzeiten und Karenztagen

Susanne Hildebrandt und Thuy Ha Nguyen

Beim Krankenstand liegt Deutschland im europäischen Vergleich im oberen Mittelfeld. Aktuelle politische Diskussionen in Deutschland über bestehende Regelungen zur Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall stützen sich häufig auf internationale Vergleiche der Fehlzeiten. Dieser Beitrag untersucht die Eignung solcher Vergleiche als Grundlage für Reformempfehlungen und analysiert die deutschen Regelungen im internationalen Kontext. Hierfür werden zunächst der rechtliche Rahmen in Deutschland und die Regelung der Entgeltfortzahlung bei Arbeitsunfähigkeit dargestellt. Anschließend wird die Funktion von Karenzzeitregelungen erläutert, gefolgt von einer Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen der Entgeltfortzahlung im Falle einer Arbeitsunfähigkeit im europäischen Ländervergleich. Darauf aufbauend werden vorliegende Daten zu krankheitsbedingten Fehlzeiten im internationalen Vergleich beschrieben und auf deren Vergleichbarkeit untersucht.